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Leseprobe

Diese Kurzgeschichte spielt in einem Dorf vor Sydney/Australien

MIT TÖDLICHEM AUSGANG
Ja, ich weiß, jedes Leben hat den gleichen Ausgang, nur die Art und Weise, wie die Ausgänge erreicht und somit betreten werden, ist verschieden. Der Eine verunglückt, der Zweite wird Opfer eines Verbrechens, der Dritte ertrinkt, die Vierte wird gemeuchelt, Nummer fünf und sechs enden als Statuen und so weiter und so fort. Ich schreibe an meinem „übelsten“ Buch, liege nachts wach und überdenke das am Vortag Geschriebene, sinniere über die Fortsetzung und werde mit einem Knäuel an gräulichen Gedanken wach, verwerfe mehr als die Hälfte, weil zu verworren und unlogisch, bis dann das rettende Anker, der Tod und seine Ursache, geworfen werden kann… MIT TÖDLICHEM AUSGANG. Erscheint voraussichtlich im September 2016.
XIV
„Ich habe noch nie eine schönere Frau gesehen als Pilar.“
„Sie ist nicht nur schön, sie ist mindestens so tüchtig wie schön.“
„Die Form ihrer Brüste, wie vom Bildhauer gemacht. Ich möchte die einmal ohne BH sehen.“
„Keine Chance, sie ist in festen Händen!“
Chefsekretärin und Fremdsprachenkorrespondentin, bildhübsche Südspanierin, streng zu sich und anderen, wohnt sie seit nunmehr acht Jahren in Australien in ihrem kleinen Häuschen und empfindet die Hitze dort als noch mörderischer als in ihrer Heimat. In der Nähe von Sydney, wohin sie jeden Tag in ihrem kleinen Auto fährt, haben sie vor einigen Jahren das „Hexenhäuschen“ gekauft. Er, Fernandez, Freund und Verlobter, wohnte kurz bei ihr, dann bekam er ein Stipendium für die EBS in London und seitdem ist sie allein. Allein in ihrem „Hexenhäuschen“. Wie am heutigen, stickheißen Sonntag, an dem man sogar beim Denken schwitzt. Morgens war sie zum Gottesdienst in die kleine Kirche gegangen, wo sogar Jesus vor Hitze geflüchtet wäre und der Priester die wahrscheinlich kürzeste Predigt seit seiner Weihe gehalten hat. Nach einer kleinen Mittagmahlzeit legt sie sich hin, zieht die Vorhänge zu und schläft ein.
Draußen krabbelt sie an der Wand hoch, sieht das gekippte Fenster, kriecht durch den Spalt und klettert langsam hoch zur Decke. Sie spaziert im Altherrentempo der Decke entlang und erschrickt fast beim Anblick der liegenden Frau auf dem Bett unter ihr. Fast unbekleidet atmet sie. Ihr flacher Bauch und ihre Brüste bewegen sich sanft auf und ab, auf und ab. Fasziniert starrt sie auf das Heben und Senken des Frauenkörpers und beschließt, ihn von näher zu betrachten. Langsam lässt sie sich an ihrem Silberfaden hinunter, bis sie den Geruch des schönen Frauenkörpers einatmet. Plötzlich hört sie ein Geräusch, klettert in Windeseile hoch, versteckt sich in eine der Zimmerecken und wartet. Es kommt aus einem Nebenzimmer. Langsam wird die Tür des Schlafraumes geöffnet. Eine Männergestalt bleibt einen Augenblick stehen, atmet hörbar ein und nähert sich Schritt um Schritt, Zentimeter für Zentimeter, um auch nicht einen Millimeter von der Schönheit vor ihm zu verpassen. Sie hat sich aus ihrer Ecke wieder zur Mitte bewegt und sieht sich das Schauspiel an. Der Mann beugt sich über die wunderschöne Frauengestalt und in dem Augenblick scheint es, als ob das Spinnentier die böse Absicht des Mannes erkennt. Sie lässt sich auf sein Genick fallen, beißt und lässt alle Gift aus ihrem Körper in den seinen tropfen. Er greift nach der Bissstelle, zuckt, sein Gesicht färbt sich blau, er schreit, erstarrt und stirbt. Sie entwischt durch das gekippte Fenster. Sie reist, nach dem polizeilichen Verhör, nach London.